Dumme Jahre“ im Stadttheater Gießen – eine ostdeutsche Familiengeschichte

Dumme Jahre“ im Stadttheater Gießen – eine ostdeutsche Familiengeschichte

Mit zahlreichen Mitgliedern unseres Kulturrings besuchten wir am 29. März zum zweiten Mal in diesem Jahr das Stadttheater Gießen. Neben den begehrten Plätzen für das Musiktheater gibt es im  Kulturring auch viele Interessierte, die gerne die in Gießen gezeigten Schauspiele besuchen. An diesem Sonntag war es das Stück „Dumme Jahre“, ein Kammerspiel über eine ostdeutsche Familiengeschichte, die sich über fünf Jahrzehnte bis in die Gegenwart erstreckt. Der Autor Thomas Freyer schrieb das Stück 2024 für das Nationaltheater Weimar und die Gießener Inszenierung ist die erste an einem westdeutschen Theater. „Dumme Jahre“ erzählt die Geschichte von Regine, die gemeinsam mit ihrem Mann Wolfgang, einem Busfahrer, und den zwei Kindern in einer ostdeutschen Kleinstadt lebt. Sie lieben sich, halten zusammen und finden trotz unterschiedlicher Haltungen zum Sozialismus nach kurzer Trennung wieder zueinander. Auf der Bühne wird Regines und Wolfgangs Leben in verschiedenen Lebensphasen präsentiert. Zeitlich beginnt das Ganze mit den Anfängen in der DDR ab 1968, als sich Regine und Wolfgang kennenlernen. Wolfgang ist regimekritisch, während sich Regine als Chemiefacharbeiterin für die Aufbauideologie des Arbeiter- und Bauernstaats aufreibt. Es folgt die Wendezeit und der Umbruch 1989/1990, die für Wolfgang die ersehnte Freiheit bringt, während sich Regine unsicher und orientierungslos fühlt. Schließlich die Gegenwart und Rückschau, in der Regine auf ihr Leben zurückblickt, während Wolfgang zunehmend an Demenz erkrankt.

Das alles wird nicht chronologisch erzählt. Das Stück springt zwischen den Jahren und Erzählebenen hin und her und es gibt viele (von den Schauspielern im Übrigen souverän gemeisterte) Rollen – und Kostümwechsel. Man musste als Zuschauer schon gut aufpassen, um zu verstehen, in welcher Epoche man sich gerade befindet. Auf der Bühne wird Regine von drei verschiedenen Darstellerinnen verkörpert, die unterschiedliche Lebensphasen aufzeigen und oft direkt miteinander sprechen. Als Wolfgang erkrankt und schließlich stirbt, blickt Regine zurück auf ihr Leben. Schicht für Schicht trägt sie ihre vielen Erinnerungen ab und stellt sich die Frage: Was wäre möglich gewesen, wenn ich nicht in diesem Land, der DDR, gelebt hätte? Warum habe ich die Erziehung meiner Kinder von dem mitleidslosen Verhalten der eigenen Eltern beeinflussen lassen? Regine erkennt, dass sie sich oft angepasst und Chancen verpasst hat. Am Ende ihres Lebens mündet ihr schonungsloser Rückblick in einer durchwachsenen und melancholischen Bilanz.

Unsere Bilanz der Vorstellung  „Dumme Jahre“ hingegen fällt positiv aus. Die durchweg sehr gute schauspielerische Leistung wird von uns und den weiteren Theaterbesuchern mit sehr herzlichem Schlussapplaus belohnt.

Text und Bilder : E. Z.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

 

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.