„Das Tor zur Freiheit“ – Besuch des Lern- und Erinnerungsorts Notaufnahme Gießen am 16. Oktober 2026
Der Lern- und Erinnerungsort Notaufnahme Gießen wurde nach mehrjährigen Planungen am 17. Juni 2025 eröffnet und ist Hessens einzige landeseigene Gedenkstätte. In den Gedanken vieler Menschen ist die ehemalige Unterkunft im Meisenbornweg unmittelbar verknüpft mit Flucht und Zuwanderung im geteilten und wiedervereinigten Deutschland.
Auch bei uns stand der historische Ort – zumal „direkt vor der Haustür“ gelegen – schon seit längerem auf dem Plan und im Oktober besuchten wir mit dem Kulturring die dort gezeigte Dauerausstellung. Eine Gruppenführung half uns, die bewegten Jahre am Meisenbornweg historisch einzuordnen. Alles beginnt 1946 in Gießen als Nachkriegs-Provisorium („Regierungsdurchgangslager“) für die Ankunft von Kriegsheimkehrern, Heimatlosen und Heimatvertriebenen. Ab 1950 wird das Notaufnahmelager dann offiziell eines von drei Bundesnotaufnahmelagern für Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR, die nach dem gescheiterten Aufstand vom 17. Juni 1953 in großen Zahlen in den Westen kommen (900.000 Menschen sind es bis zur Wiedervereinigung). Nach dem Mauerbau 1961 sinken die Flüchtlingszahlen zunächst, allerdings gerät das Notaufnahmelager in den 1970er und 1980er Jahren ins Visier der Stasi, um Flüchtende und deren Fluchtwege auszuspionieren. Nach der Maueröffnung 1989 herrscht Ausnahmezustand im Lager und alleine in diesem Jahr durchlaufen rund 120.000 DDR-Bürger die Notaufnahmeeinrichtung. Mit der Wirtschafts- und Währungsunion wird 1990 das Aufnahmeverfahren für DDR-Bürger eingestellt und das Gelände am Meisenbornweg dient nun als Anlaufstelle für Asylsuchende aus aller Welt, für Bürgerkriegsflüchtlinge und Spätaussiedler. 1993 wird die Unterkunft zur offiziellen Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (HEAE) und im Zuge der Flüchtlingskrise 2015/2016 ist Gießen zeitweise die größte Flüchtlingsunterkunft Deutschlands. Die HEAE wird als Behörde im November 2016 aufgelöst und in das Regierungspräsidium Gießen eingegliedert, die Unterkunft zieht nach und nach in das ehemalige US-Depot an der Rödgener Straße um. Am 30. September 2018 wird die historische Unterkunft am Meisenbornweg nach 72 Jahren im Dienst der Migration geschlossen.
Soweit die historischen Fakten zum Notaufnahmelager – aber die Ausstellung, die wir in Gießen sahen, ist sehr viel mehr als eine reine Chronologie der Ereignisse. Bilder, Zeitungsartikel, Darstellungen abenteuerlicher Fluchtwege aus der DDR, audiovisuelle Zeitzeugenberichte und vieles mehr ließen uns nur erahnen, welche Schicksale sich in diesen mehr als 70 Jahren ereignet haben. Für uns Besucher war die Fülle der zusammengetragenen Zeitdokumente in der rund einstündigen Führung gar nicht zu bewältigen und nicht wenige von uns möchten sich die Ausstellung später privat noch einmal eingehender anzuschauen. Natürlich soll auch das Schmuckstück der Ausstellung nicht unerwähnt bleiben: der quietschbunte und kunstvoll gestaltete Mauerfall-Trabi aus Bersrod. Auf dem Trabi, in der DDR liebevoll „Rennpappe“ genannt, sind markante Stationen in Ost und West von Rostock bis Bersrod künstlerisch festgehalten. Erwähnt werden muss auch die mobile „Blackbox Heimerziehung“, die noch einige Tage auf dem Außengelände des Lagers aufgebaut sein wird. Sie macht auf ihrer Tour durch die verschiedenen Bundesländer auch in Gießen Station und erzählt die Geschichte zahlloser DDR-Kinder, die in Spezialheimen des Systems eine quälende Umerziehung durchlaufen mussten. Diese Blackbox konnten wir uns nach der Führung durch die Dauerausstellung ebenfalls anschauen – oder auch einfach nur die verbleibende Zeit bis zur Busabfahrt bei einem Kaffee im Bistro oder draußen in der Herbstsonne genießen. So oder so: Es war ein interessanter Nachmittag!
e. Z.

Text und Bilder: E.Z.