„Das Opferfest“ im Stadttheater Gießen

„Das Opferfest“ im Stadttheater Gießen

Am 20. Juni stand für unseren Kulturring der Besuch von Ibrahim Amirs Schauspiel „Das Opferfest“ im Stadttheater Gießen auf dem Programm. Draußen war es drückend heiß, aber uns fuhr ein angenehm klimatisierter Plus Bus aus Londorf zum letzten Theaterbesuch der Saison. Im nicht ganz ausverkauften Großen Haus freuten wir uns auf die Komödie über eine muslimische Familie, die im Garten ihres Hauses das traditionelle Opferfest feiern will. Ibrahim Amirs Stück wird als „turbulente Gesellschaftskomödie, die am Beispiel eines familiären Festes die Konflikte, Widersprüche und Identitätsfragen einer syrischen Migrantenfamilie in Europa beleuchtet“ beschrieben. In Gießen ist die Aufführung ungewöhnlicherweise auch mit arabischen Übertiteln ausgestattet.

Kaum hat die Vorstellung begonnen, als sich aus den Theaterreihen lautstark ein junger Mann zu Wort meldet. Ihm gefalle nicht, sagt er, was sich da auf der Bühne abspielt. Er käme aus Syrien und habe keine Lust, sich von den Schauspielern sein eigenes Schicksal von Krieg und Flucht vorspielen zu lassen. Er klettert auf die Bühne und erklärt den Schauspielern, was sie zu tun haben: Er korrigiert, greift während des ganzen Stücks in die Handlung ein und spielt mit den Darstellern. Nach anfänglichem Unverständnis wird natürlich schnell klar, dass das Ganze zur Inszenierung dazu gehört. Unter der „Regie“ des unbekannten jungen Mann sehen wir dann, wie beim Opferfest auf der Bühne zwischen den Eltern Rashid und Sara und den erwachsenen Kindern die verschiedensten Konflikte ausbrechen: Der 20-jährige Sohn Walid wirft seinem Vater vor, nur ein halbherziger „Freizeit-Moslem“ zu sein, der älteste Sohn Hasan steckt in einer Ehekrise und die emanzipierte Tochter Raya bringt ihren streberhaften, humorlosen Freund mit und ist zudem schwanger. Zu allem Überfluss ist da auch noch der hessisch babbelnde Nachbar Jörg, der mit seinen Erzählungen über seinen nach Syrien geflohenen Nazi-Vater weiteres Öl ins Feuer gießt. Nach und nach kommen am familiären Esstisch die verschiedenen Generations- und Migrationskonflikte an die Oberfläche und es wird heftig über die religiöse Identität gestritten. Alle im Stück fühlen sich vom anderen nicht verstanden und beharren auf ihren festgefahrenen Meinungen. Reichlich Zündstoff also, den der Autor aber in eine herrlich schräge Familienkomödie verwandelt, die das Gießener Schauspielensemble gewohnt mitreißend umsetzt. Im Zuschauersaal konnten wir oftmals herzhaft lachen, der Wortwitz und die Ironie kommen gut an.

 

Am Ende sitzen alle Akteure gemeinsam am gedeckten Tisch und speisen zu den Klängen von „O, du lieber Augustin“. So scheint das Schlussbild aufzuzeigen, dass mit Respekt, Toleranz und dem Willen, aufeinander zuzugehen, ein Zusammenkommen trotz aller Unterschiede gelingen kann.

 

Die Gießener Theatersaison 2026/2027 neigt sich jetzt dem Ende zu und beim Kulturring laufen bereits die Planungen für die Theaterauswahl der kommenden Saison. Wir freuen uns darauf!

 

EZ

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